Pressespiegel

Reutlinger General-Anzeiger, 02.09.2009:

Parteien Chatrooms, Videoplattformen und Co.: Wie Reutlinger Bundestags-Kandidaten das Internet nutzen
Bundestagswahl 2009: Wählerfang im World Wide Web
VON MARION SCHRADE

REUTLINGEN. »Habe gerade versucht, in der Schäferei Stotz ein Lamm mit Heu zu füttern. War sehr goldig«, schreibt »GrueneBeate« am 25. August. »GrueneBeate« weilt aber nicht etwa im Urlaub und schreibt eine SMS an eine Freundin. Sie ist auf Wahlkampf-Tour auf dem Bauernhof und gleichzeitig im Internet. Über die Kommunikationsplattform »twitter« schickt sie ihre Botschaften von der Schwäbischen Alb hinaus in die Online-Welt. Irgendwas ist anders an diesem Wahlkampf. Und schuld ist womöglich der mächtigste Mann der Welt.

Barack Obama hats vorgemacht, wie man mit persönlichen Fotos, netten Kommentaren und Online-News am laufenden Band was wird. US-Präsident zum Beispiel. Oder wenigstens Abgeordneter im Deutschen Bundestag.

»Es ist nicht so, dass man im Internet eine Wahl gewinnt oder verliert«

Im echten Leben heißt »GrueneBeate« Müller-Gemmeke, wohnt in Pliezhausen und will für die Grünen nach Berlin. Sie hat erkannt: Im virtuellen Zeitalter spielt sich der Wahlkampf nicht mehr nur in verrauchten Wirtshaus-Nebenzimmern und auf Marktplätzen ab. Mindestens genauso wichtig wie Handzettel-Verteilen in der Fußgänger-Zone ist jetzt Internet-Surfen, Bloggen und Twittern. Auf ihrer Wahlkampf-Tour per Fahrrad über die Alb ist sie nie ohne Laptop, Kamera und Handy unterwegs. Im Online-Tagebuch hält sie ihre Erlebnisse fest. »Es geht dabei nicht um hochkarätige Texte«, sagt Müller-Gemmeke. Ihr ist es wichtig, vor allem junge Wähler zu erreichen: »Ich möchte sie für Politik sensibilisieren.«

Laut einer Bitkom-Studie wird das Internet bald wahlentscheidend sein. Bei den 18- bis 29-Jährigen ist das »www« inzwischen die wichtigste Nachrichtenquelle, wenn es um Politik geht. 77 Prozent dieser Altersklasse informieren sich hier. Zu Tageszeitungen dagegen greifen nur 54 Prozent. Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer sagt: »Blogs und soziale Online-Netzwerke werden für die politische Kultur immer wichtiger, weil sie eine direkte Interaktion zwischen Bürgern und Politikern ermöglichen.«

Das hat nicht nur Beate Müller-Gemmeke erkannt, sondern auch die Konkurrenz im Wahlkreis Reutlingen. SPD-Kandidat Sebastian Weigle schreibt auf seiner Homepage: »Seit vielen Jahren bin ich überzeugter Onliner.« Kein Wunder Weigle ist 31 und mit dem Internet aufgewachsen. Im Netz will er von seiner Arbeit in politischen Gremien berichten, den Besuchern aber auch ermöglichen, »den Menschen Sebastian Weigle kennenzulernen«.

In seinen Bildergalerien sind unzählige Fotos hinterlegt Weigle beim Würstchen grillen, Kühe füttern, Hände schütteln. Über einen Link landet der Besucher auf Weigles »twitter«-Profil, das der Kandidat regelmäßig mit neuen Einträgen füttert. Zu erzählen gibt es schließlich viel. Und sei es nur Small Talk. In maximal 140 Zeichen umfassenden Texten mehr ist auf »twitter« nicht erlaubt teilt der 31-Jährige seinen Online-Anhängern zum Beispiel mit, dass er sich jetzt auf den Weg ins Open-Air-Kino macht oder im Wasenwald joggen geht. Staatstragend ist das nicht. Muss es aber auch gar nicht sein: »Ein Internet-Blog ist schließlich ein ganz anderes Kommunikationsmittel als eine Pressemeldung.«

FDP-Mann Pascal Kober indes hat beschlossen, den Wahlkampf zumindest dieses Mal noch ohne »twitter« aufzunehmen. Die radikale Kürze der Nachrichten, die der einer SMS entsprechen, stört ihn: »Häufig kommt es nur dazu, Belanglosigkeiten zu schreiben. Die Frage ist, ob diese Belanglosigkeiten den demokratischen Prozess bereichern.« Der Theologe konzentriert sich auf konventionelle Online-Plattformen wie »facebook« oder »Abgeordnetenwatch«, auf der sämtliche Abgeordnete und Kandidaten öffentlich einsehbar befragt werden können. Hinter rein politischen Aussagen verstecken will er seine Person trotzdem nicht.

Auf seiner Homepage gibt der 38-Jährige deshalb den ein oder anderen Einblick in private Interessen. Man erfährt beispielsweise, dass der Pfarrer nicht joggt obwohl das spätestens seit Joschka Fischer in Politiker-Kreisen schwer in Mode ist. Kober stemmt lieber Hanteln im Fitness-Studio und fliegt im Urlaub in die USA. Irgendwann will er alle 50 Bundesstaaten bereist haben, 16 hat er bereits geschafft. Der Politiker mit Hang zur Roadtrip-Romantik schreibt auf seiner Seite: »Nichts lässt mich so entspannen wie auf den endlos langen amerikanischen Straßen im Auto als Beifahrer vor mich hinzuträumen. Wenn dann noch ein Country-Sender leise im Radio vor sich hindudelt, dann fühle ich mich dem Paradies auf Erden schon nahe.«

Weniger romantisch gehts bisweilen auf Sebastian Weigles »twitter«-Profil zu. »Zahnarzt gut und anschließend die Rede des Staatssekretärs (im Jargon auch Ordenverteiler) überstanden. Hillebrand war schwieriger«, stichelt Weigle in einer Kurznachricht. Auch der direkte Konkurrent im Wahlkreis bekommt eine Klatsche: »Gestern Abend knallvolles Haus bei Podium zur Gesundheitspolitik in Münsingen. CDU-Beck wieder nicht da. Wie immer.«

Der »CDU-Beck« seinerseits übt sich in Sachen Online-Kommunikation eher in vornehmer Zurückhaltung. Termine und Nachrichten werden auf seiner Homepage täglich aktualisiert, ansonsten finden sich im Internet nur ein Facebook-Profil und ein paar Youtube-Videos zu politischen Themen. Persönliche Äußerungen, allzu tiefe Einblicke in die Privatsphäre? Gibts bei Ernst-Reinhard Beck nicht. Sein Büro lässt wissen, dass Plattformen wie »twitter« schließlich auch eine Frage des Alters seien. Immerhin ist Beck schon 64. Dass die virtuelle Welt zumindest als Informationsquelle wichtig für den Wahlkampf ist, weiß man auch in Becks Büro. Aber: »Es ist nicht so, dass man im Internet eine Wahl gewinnt oder verliert.«

Das scheint auch Einzelkandidat Ralf Matheis so zu sehen. Er hat zwar eine Homepage aber so ganz ernst scheint er seinen Internetauftritt selbst nicht zu nehmen. Einer »sinnlichen Gestaltung« habe er seine »Heimseite« bedauerlicherweise nicht »unterwerfen« können, schreibt er auf seiner Internetpräsenz. Wer »Geblinke und Gehupe« wolle, solle doch die »höchst ansehnlich daherkommenden Seiten der Mitanbieter« anklicken. US-Präsident wird Ralf Matheis auf diese Weise ganz bestimmt nicht. Und Bundestagsabgeordneter wohl auch nicht. (GEA)

Twitter, Youtube, Facebook und Co.: Soziale Netzwerke im Internet spielen im Wahlkampf eine Rolle

Kommunikationsplattformen im Internet boomen: Ehemalige Mitschüler halten darüber Kontakt, Singles suchen einen Partner und Arbeitnehmer eine neue Stelle. Jetzt haben auch Politiker die Online-Netzwerke für sich entdeckt. Auf »facebook« kann jeder ein persönliches Profil anlegen, auf dem er Fotos und Mitteilungen veröffentlicht. Auf der Seite »twitter« plaudern die Mitglieder vor allem über das, was sie gerade tun. Die Einträge werden per E-Mail oder übers Handy erstellt und sind wie eine SMS maximal 140 Zeichen lang. »youtube« ist eine Video-Plattform. Politiker veröffentlichen hier beispielsweise Mitschnitte öffentlicher Reden. (GEA)

Reutlinger Nachrichten, 28.08.2009

Peer Steinbrücks Stippvisite
90 Minuten Reutlingen: Der Bundesfinanzminister besucht die Firma Wafios

Der Wahlkampf machts möglich: Auf Einladung des SPD-Kandidaten Sebastian Weigle weilte gestern Bundesfinanzminister Peer Steinbrück für gut 90 Minuten in Reutlingen. Er besuchte die Wafios AG.

Reutlingen Es ist kurz vor halb eins, vor dem Wafios-Gebäude spricht Peer Steinbrück noch schnell ein paar Sätze in die Kameras. Dann gehts los, der Bundesfinanzminister erhält in geballter Form Informationen über die Wafios AG. Das Reutlinger Traditionsunternehmen ist ein typischer Mittelständler und erwirtschaftete im vergangenen Jahr mit rund 830 Mitarbeitern einen Umsatz von 111 Millionen Euro. Wie viele andere Maschinenbauer auch hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise den Hersteller von Draht- und Rohrbiegemaschinen hart getroffen. Schließlich exportiert die Wafios AG rund 70 Prozent ihrer Produkte.

Die weltweite Rezession und der dadurch bedingte Auftragsrückgang seien weder von Wafios verursacht, noch von ihr zu vertreten. „Wir fühlen uns als Opfer der jetzt schon mehr als neun Monate andauernden Auftragsabstinenz“, sagt Dr. Gerhard Bartz. Noch sei das „sanfte Pflänzchen Konjunkturerholung“ aber nicht bei Wafios angekommen, erklärt der frühere stellvertretende Vorstandsvorsitzende. Daher hat das Traditionsunternehmen – gemeinsam mit seinen vier Hausbanken – bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einen Kredit aus dem Konjunkturprogramm II beantragt, der für Betriebsmittel und anstehende Investitionen gedacht ist. Hier könnte Steinbrück helfen, derzeit steht der Finanzminister dem KfW-Verwaltungsrat vor.

Steinbrück hört aufmerksam zu, nur ab und zu bricht die Schlagfertigkeit des Mannes durch, der schon einmal Steueroasen die Kavallerie auf den Hals hetzen wollte: „Wenn Sie so weitermachen, brauchen Sie 24 Stunden“, unterbricht er den Vortrag von Wafios-Vorstandsmitglied Egon Reich über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Draht im Leben. „Wenn alle mithelfen, wird das Modell Wafios im Kleinen und der Deutschlandplan im Großen ein Erfolg werden“, plädiert Kurt Rein für ein gemeinsames Vorgehen von Politik, Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Bei Wafios habe bislang das Prinzip „Jung für Alt“ gut funktioniert, so der Betriebsratsvorsitzende, der sich dafür ausspricht, die Altersteilzeit über das Jahr 2010 hinaus beizubehalten. Und Rein appelliert an den obersten Kassenwart der Republik, die Rente mit 67 Jahren zu überprüfen. Dafür sieht Steinbrück keine Möglichkeit.

In einem anderen Punkt stimmt er allerdings mit Rein überein. Die Betriebe sollen die Kurzarbeit nutzen, um ihre Mitarbeiter für die Zukunft weiter zu qualifizieren. Die Politik sei gut beraten, die Unternehmen zu unterstützen, die sich bemühten, Arbeitsplätze zu erhalten. Daher sei es auch wichtig gewesen, die Kurzarbeiterregelung zu verlängern. „Damit konnten wir über 1,4 Millionen Arbeitsplätze halten.“

Anschließend geht es im Schnelldurchgang durch den Betrieb – „ausgesprochen beeindruckend“ zeigt sich Steinbrück vom Innovationsreichtum der Wafios-Mitarbeiter.

Im dicht gedrängten Programm bleibt kaum Zeit für Fragen – auch zum Thema „Opel“. Die Bundesregierung habe es nicht zu vertreten, dass keine Entscheidungen in Detroit und Washington getroffen werden, weist er den Vorwurf zurück, dass sich die Regierung in den Verhandlungen mit General Motors blamiert habe, und spricht sich nochmals für Magna als Investor aus. Ein Seitenhieb auf Wirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg und dessen Plädoyer für eine Opel-Insolvenz darf nicht fehlen – es ist ja Wahlkampf.

In einem Punkt bleibt Steinbrück knallhart: „Sie werden von mir keine weiteren Steuervergünstigungen bekommen.“ Allein der Anstieg der Schulden im Bundeshaushalt von 1,6 Billionen auf zwei Billionen Euro verbiete Forderungen nach Steuersenkungen.

Gegen 13.50 Uhr endet Steinbrücks Reutlinger Stippvisite: SPD-Kandidat Sebastian Weigle überreicht noch kurz einen Teller mit Caféspezialitäten und Snacks, danach fährt der Ministertross weiter nach Bisingen – dort warten schon „sozialdemokratische Antworten auf die Finanz- und Wirtschaftskrise“.

Reutlinger General-Anzeiger, 28.08.2009:

Stippvisite Bundesfinanzminister Peer Steinbrück besucht die Reutlinger Maschinenfabrik Wafios
Steinbrück in Reutlingen: Banker sollen Kredite herausrücken
VON FRANZ PFLUGER

REUTLINGEN. »Man sollte sehr vorsichtig sein mit optimistischen Einschätzungen«, sagt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück im Gespräch mit dem Vorstand der Wafios AG Reutlingen. Auch bei den aktuellen Anzeichen einer Erholung sei es besser, sich realistisch zu positionieren. Gerade ein Maschinenbauer wie Wafios mit seinem hohen Export habe es selbst bei einer Erholung mit einem »nachlaufenden Prozess« zu tun. Dennoch glaubt Steinbrück, dass die Verlängerung der Kurzarbeit gerade den Maschinenbauern von großem Nutzen ist.

1,4 Millionen Mitarbeiter könnten in Deutschland in ihren Arbeitsplätzen gehalten werden, sagte er. In diesem Kontext machte er auch den Unternehmen das Kompliment, trotz steigender Fixkosten die Stellen zu halten.

Auf den Einwand des GEA, ob das Kompliment nicht zu früh komme, wenn nach der Wahl womöglich der Jobabbau in großem Stil beginne, meinte er: »Keiner kann ausschließen, dass die Zahl der Insolvenzen im vierten Quartal und im ersten Quartal 2010 zunimmt. Dann wird es Arbeitsplatzverluste geben.« Vor dem Hintergrund des anstehenden Fachkräftemangels sei es aber gut, die guten Leute zu halten.

»Weiterbildung nutzen«

Der Finanzminister appellierte an die Wirtschaft, die angebotenen Weiterbildungsmöglichkeiten der Bundesagentur für Arbeit auch zu nutzen. »Es gibt dort noch viele Gelder, die gar nicht abgerufen werden«, unterstrich Steinbrück. Mit dem Hinweis auf den eingerichteten Deutschlandsfonds will er dem Vorurteil, die Regierung helfe nur den großen Unternehmen, Wind aus den Segeln nehmen. »Es gibt dort Bürgschaften und Kredite für Mittelständer.« Wafios hat dort einen Antrag gestellt und der Bundesfinanzminister, der Vorsitzender des Verwaltungsrates der KfW ist, »das ist jetzt ihr Vorteil«, versprach behilflich zu sein. Der Maschinenbauer leidet nämlich wie vor Kurzem berichtet unter der Krise. Derzeit sind insgesamt 2 200 Anträge bewilligt. »Ich habe ein Interesse daran, dass dort zügig entschieden wird.«

Eine allgemeine Kreditklemme bestehe aktuell in Deutschland aber nicht. Mikroökonomisch gesehen aber ja. Sollte das Problem zunehmen, hat der Bundesfinanzminister drei bis vier Maßnahmen in der Schublade, die er dann herausholen möchte. Um welche es sich dabei handelt, sagte er jedoch nicht. Am kommenden Dienstag führt Steinbrück Gespräche mit Bankenvertretern. Gleichwohl rügte er die Kreditinstitute. »Die bekommen unlimitiert Geld von der Zentralbank zu einem Prozent Zins für 12 Monate. Das Problem: Die stecken das nicht in das Kreditgeschäft mit Betrieben, sondern in das Handelsgeschäft, weil dort die Margen höher sind.«

Die Initiative des französischen Präsidenten Sarkozy, Sanktionen gegen jene Banken einzuführen, die sich nicht an die Spielregeln halten, unterstützt Steinbrück. Deutschland habe ja mit der Einlösung von Aktien-Optionen erst nach vier Jahren und anderen Maßnahmen einiges getan. Das lasse sich durch spätere Ausbezahlung der variablen Bestandteile oder gar die Einführung eines Malus-Effektes ausbauen. Die G-20-Länder wollen sich Ende September auf ihrem Gipfel mit dem Thema beschäftigen.

Geduldig war Steinbrück zuvor der Unternehmenspräsentation durch das ehemalige Vorstandsmitglied der Wafios AG, Gerhard Bartz, und Vorstandsmitglied Egon Reich gefolgt. Spitzzüngig, wie er sich meistens zeigt, und wohl noch sein Tagesprogramm vor Augen, scherzte er mit der Bemerkung: »Wenn Sie so weitermachen, bin ich in 24 Stunden noch hier.« Als jedoch Betriebsratschef Kurt Rein seine politischen Anliegen vortrug, angelte er sich einen Kugelschreiber aus der Tasche und machte Notizen. Der gab ihm die Forderung mit auf den Weg nach Berlin: »Unterstützen Sie die Pläne des Bundesarbeitsministers Scholz, die Altersteilzeit wieder zu verlängern.«

Wafios hat früher und bis heute viel davon Gebrauch gemacht. Der Vorzeigebetrieb in der Ausbildung (derzeit 90) übernimmt in der Regel die Auszubildenden. Das Bündnis zwischen Jung und Alt habe immer funktioniert, sagte Rein. Mit aller Entschiedenheit weist Steinbrück die Forderung, die Rente mit 67 wieder abzuschaffen, zurück. Auch die Industriegewerkschaft Metall und die Betriebsräte müssten die längere Lebenszeit der Menschen zur Kenntnis nehmen. »Wir haben jetzt unsere Meinungen ausgetauscht Themawechsel!«

»Wir wollen Magna«

Der Wunsch des Unternehmens, das diesbezüglich nicht alleine steht, nach weiteren steuerlichen Vergünstigungen in der Krise, lehnt der Finanzminister ab. »Alle rennen mir die Bude ein. Sie haben als Kapitalgesellschaft eine Unternehmensbesteuerung bekommen. Die öffentlichen Finanzen laufen mir vollständig aus dem Ruder.«

Was Opel betrifft, ist die Position der Bundesregierung klar. »Ich kann das übrigens nicht als Blamage, wie es in Ihrer Frage zum Ausdruck kam, empfinden«, antwortet der Minister. Die Regierung habe es nicht zu vertreten, wenn Entscheidungsprozesse in Detroit und in Washington noch nicht gefallen seien. Offenbar gäbe es unterschiedliche Auffassungen im Managment bei GM. »Wir setzen klar auf Magna, weil die das tragfähigere industriepolitische Konzept haben. Wir geben auch zu verstehen, dass eine öffentliche Überbrückungsfinanzierung aus Sicht der Bundesregierung nur für das Magna-Konzept infrage kommt.

Wir erwarten von dem Management, dass die Entscheidungsprozesse zügig ablaufen.« Völlig unterbelichtet sieht er bisher das Risikoszenario einer Insolvenz. Es hätte Insolvenzgeld für die Beschäftigten gezahlt werden müssen, der Insolvenzverwalter hätte ein großes Massedarlehen gebraucht, der Pensionsicherungsverein müsste für die betriebliche Altersversorgung aufkommen, Pleiten bei den Zulieferern und weniger Steuereinnahmen wären die Folge. (GEA)

Reutlinger General-Anzeiger, 27.08.2009:

Geothermie Energieexperte Ernst Ulrich von Weizsäcker will verstärkte Förderung. Wahlkampfvisite mit Diskussion
Am Anfang war das Wort
VON MARKUS PFISTERER

BAD URACH. Patentrezepte, wie Bad Urachs auf Eis liegende Geothermie-Bohrung wieder heiß werden könnte, hatte er nicht dabei, ausgreifende und überparteiliche Thesen sehr wohl. »Deutschlandweit zehn Prozent der Energieversorgung kann die Erdwärme binnen 50 Jahren bringen«, schätzte Ernst Ulrich Weizsäcker während eines kurzfristig anberaumten Wahlkampf-Auftritts mit dem Reutlinger SPD-Bundestagskandidaten Sebastian Weigle in der Kurstadt.

Von Weizsäcker, bis 2005 selbst für die SPD im Bundestag, mehrere Jahre im Club of Rome und Dekan einer umweltorientierten Hochschule in den USA und derzeit Kopf einer internationalen Gruppe mit Ziel nachhaltiger Ressourcen-Nutzung, sieht die Geothermie in Deutschland als »vergessene Energiequelle« an, die es politisch zu fördern gelte: »Die Stromerzeugung aus Erdwärme sollte wie Wind- oder Solarstrom über das Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütet werden. Die bisherige Nutzung ist ökonomisch nicht hinreichend lukrativ.« Geologisches Potenzial sieht der Biologe und Physiker im Land allemal: vor allem am Oberrheingraben, aber auch an und auf der Schwäbischen Alb.

Doch Urachs Bohrloch gähnt tiefdunkel, seit das Bundesumweltministerium nach einer technischen Panne vor fünf Jahren keine Zuschüsse mehr gibt. Die Forschungsbohrung neu ankurbeln wollten mehrere der 25 Diskutanten in der Runde mit von Weizsäcker und Weigle. An vorderster Front: Altbürgermeister Fridhardt Pascher, der die ersten Tiefenbohrungen 1978 mit dem damaligen Gemeinderat möglich gemacht hatte. Pascher: »Gefahren wie am Oberrheingraben gibt es hier nicht.« Einerseits sei kein Vulkanismus mehr aktiv, zum anderen keine »Anhydritschicht« im Boden und drittens seien die für die Nutzung der tief liegenden Erdwärme notwendigen unterirdischen Gesteins-Aufwerfungen oberirdisch nicht zu spüren gewesen alles Faktoren, die im Südbadischen Probleme machten und als Ursachen mehrerer Erdbeben in Geothermie-Tiefbohr-Gebieten gelten. Pascher regte an, die EnBW als potenten Kooperationspartner mit sanftem Druck ins Uracher Boot zu holen: »Nächstes Jahr läuft der Konzessionsvertrag zwischen Stadt und EnBW aus. Die kommunalen Gremien wären gut beraten, künftig von der EnBW einen Anteil für die Bohrungen zu verlangen.« An der Machbarkeitsstudie, von der allerdings seit Jahren nichts mehr zu hören ist, ist der Energieversorger bereits mit knapp 100 000 Euro beteiligt, wie SPD-Gemeinderat Ernst Haas offenlegte.

Von Weizsäcker, der sich in der Kürze der Zeit nicht bohrlochtief in die Uracher Verhältnisse einarbeiten konnte, dankte für die Nachhilfe. Am Anfang war das Wort. Ihm folgende Taten könnten Deutschlands Ruf als Musterland in puncto Einsatz erneuerbarer Energien festigen und Schule machen. »Ein Schwerpunkt sind Energie-Effizienz-Technologien. Wir brauchen europaweit Politiker, die einsehen, dass wir mit sehr viel weniger Strom oder Öl gesund und gut wirtschaften können.« (GEA)

Alb-Bote, 31.07.2009:

Staatssekretärin Roth bei OB Barbara Bosch

Reutlingen „Unser gemeinsamer Einsatz hat sich gelohnt“, freute sich Staatssekretärin Karin Roth beim Besuch bei Oberbürgermeisterin Barbara Bosch: Dass es sich die SPD-Bundestagsabgeordnete nicht nehmen lassen wird, beim Spatenstich für den Scheibengipfeltunnel am 18. August mit von der Partie zu sein, hat sie jetzt bei einem Besuch im Rathaus angekündigt.

Ganz einfach gewesen sei er nicht gewesen, der Einsatz für den Scheibengipfeltunnel, blickte die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung beim Kaffee im Büro der Oberbürgermeisterin zurück. Protesten aus den Reihen anderer Bundestagsfraktionen habe sie aber stets entgegen gehalten, wie lange der Tunnel bereits auf der Prioritätenliste des Bundes stehe, resümierte Karin Roth. Vor allem aber habe sie immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig dieses Bauprojekt nicht nur für Reutlingen, sondern für die ganze Region sei. „Darüber hinaus ist er in diesen schwierigen Zeiten aber auch ein Signal für die Wirtschaft und für die Menschen“, unterstrich die Bundestagsabgeordnete, „wir bauen die Straßen für die Zukunft“.

Wahlabo-AB

Dass der Tunnel nun tatsächlich gebaut wird, sei aber auch der Reutlinger Oberbürgermeisterin zu verdanken, betonte Karin Roth: „Barbara Bosch war immer Feuer und Flamme für den Tunnel.“ Aus gutem Grund, unterstrich die Gastgeberin: „Wenn ich durch unsere Stadt fahre, merke ich immer wieder, wie dringend wir diese Entlastung brauchen.“ Erst recht in Zeiten, in denen die zunehmende Feinstaubbelastung in aller Munde sei. Umso wertvoller die Unterstützung der Staatssekretärin, bedankte sich OB Bosch. Wichtig sei aber auch gewesen, dass die gesamte Region hinter den Reutlingern gestanden habe: „Nicht nur unsere direkten Nachbarn, sondern auch die anderen Städte und Gemeinden haben uns den Rücken gestärkt.“

Reutlinger General-Anzeiger, 30.07.2009:

Wahlkampf Sebastian Weigle bewirbt sich zum zweiten Mal für die SPD um ein Bundestagsmandat
»Ich werde mir die Hacken ablaufen«
VON ROLAND HAUSER

REUTLINGEN. Auch in diesem Bundestagswahlkampf hat es der 31-jährige SPD-Kandidat Sebastian Weigle ganz gezielt auf die Erststimmen abgesehen. Beim gestrigen Pressegespräch im »Vis à Vis« sagte er, im Wahlkreis Reutlingen gehe es beim Direktmandat »ganz klar« um die Entscheidung zwischen dem amtierenden CDU-Bundestagsabgeordneten Ernst-Reinhard Beck und ihm: »Ich werde mich intensiv um die Wähler bemühen und mir die Hacken ablaufen.«

Bereits 2005 war der SPD-Stadtrat, damals noch als Student, gegen Beck angetreten. Der frühere Schulleiter des Reutlinger Friedrich-List-Gymnasiums zog mit 49,1 Prozent der Erststimmen jedoch deutlich an Weigle vorbei, der es kreisweit auf 32,5 Prozent brachte in der Stadt Reutlingen schaffte der Kommunalpolitiker immerhin 36,9 Prozent.

Damals wie heute ist Weigle nach eigenem Bekunden enttäuscht über seine Positionierung auf der Landesliste: Zwar rückte er gegenüber 2005 von Platz 33 auf Platz 25 auf doch ist auch damit der Einzug ins Bundesparlament nicht viel aussichtsreicher. Bei der vorigen Wahl sei der Listenplatz 23 das Ende der Fahnenstange gewesen, erinnert sich Weigle. Ein Hoffnungsschimmer bleibt ihm allerdings: »So gut war Reutlingen schon lange nicht mehr auf der Landesliste der SPD platziert.«

Mitten im Leben

Nachdem er mittlerweile sein Studium (Politik, Volkswirtschaftslehre und Jura) abgeschlossen habe und »mitten im Leben stehe«, rechnet sich Sebastian Weigle jedenfalls gute Chance aus, das persönliche Ergebnis von 2005 zu verbessern.

Als »Fachangestellter für die betriebliche Altersvorsorge« bei einem großen Reutlinger Dienstleistungsunternehmen habe er sowohl mit Arbeitnehmern als auch mit Vorstandsmitgliedern zu tun: »Ich rede mit Klein und Groß«, sagt der SPD-Kandidat, was ihm dabei helfe, immer am Puls der Zeit zu sein.

Als Schwerpunkte seiner Kampagne nannte Weigle das Thema Arbeitsplätze und die bessere Verzahnung zwischen Kommunal- und Bundespolitik. Klar sei, dass die Politik keine Arbeitsplätze schaffen könne, sondern nur die Rahmenbedingungen beeinflussen und Anreize schaffen. In der Region gehe es darum, die neuen Technologien weiter zu fördern: »Wir sind gut dabei, aber es gilt immer, den Anschluss zu halten«. Im Bemühen, »um jeden Arbeitsplatz zu kämpfen«, bekommt Weigle am 27. August Schützenhilfe von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der mit ihm die Firma Wafios besucht.

Einblicke ins Arbeitsleben

Darüber hinaus stehen Besuche »bei fast allen Bürgermeistern des Landkreises« in Weigles Terminkalender. Aus den bereits geführten Gesprächen wisse er, dass die Rathauschefs »oft nicht den Draht zur Landes- und Bundespolitik haben, den sie sich wünschen«. Ein ganz großes Thema sei nach wie vor die Verkehrspolitik und insbesondere die Regionalstadtbahn. Fortsetzen will der SPD-Kandidat auch seine Reihe der eintägigen Berufspraktika. Nach Polizei und Landwirtschaft steht noch die Arbeit im Supermarkt, bei der Reutlinger Tafel und im Altenheim aus. Es gehe ihm darum, so Weigle, Einblicke in die Lebensrealität möglichst vieler Menschen zu bekommen. (GEA)

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